Zur Lebenskunst gehört auch die Kunst,
bewusst alt zu werden.

A. Ist Entwicklung durch Coaching oder Psychotherapie im Alter noch sinnvoll?
- Mit fünfunddreißig bis vierzig Jahren ist der physische Höhepunkt des Lebens erreicht und wird überschritten. Zugleich hat der Mensch vielleicht ab Vierzig menschlich und psychisch die größten Entwicklungschancen. Er verfügt bereits über die Erfahrungen eines gelebten Lebens; er hat verschiedene Wiederholungen in Beziehungen erlebt und hat seine eigenen und die Grenzen der anderen kennengelernt; weiters beginnt das Ende der Lebenspanne herüber zu lugen. So mancher ist schon in diesem Alter zu mir gekommen und hat sinngemäß gesagt: „Ich habe im Leben eigentlich alles erreicht – ich habe einen guten Job, ich habe Geld und Ansehen und eine Familie und doch kann ich nicht glauben, dass dies schon alles ist, was es im Leben zu erreichen gilt.“ Solch eine Aussage ist natürlich eine sehr gute Voraussetzung, die enormen und unvorstellbaren Entwicklungs-Möglichkeiten des menschlichen Lebens auszuloten.

- Es ist günstig, das Leben als ein sich veränderndes Kontinuum eines einzigen Entwicklungsprozesses zu sehen. Das mittlere wie das höhere Alter sind gleich wichtige Entwicklungsräume wie jeder andere Bereich des Lebens. Oft haben mich Menschen schon gefragt, wie lange es den Sinn macht, sich als Mensch weiterzuentwickeln. Meine Standardantwort darauf lautet immer:
jeder kleine Fortschritt, den wir in unserer menschlichen und psychosozialen Entwicklung vollziehen,
ist enorm wichtig.
Die großen Weisen und Mystiker dieser Welt sagen übereinstimmend, dass unsere Seele alle menschlich-sozialen Fähigkeiten, die wir während des Lebens hervorbringen, mitnimmt, während alles Materielle zurückgelassen werden muss.
- Es ist ein alter Wunsch der Menschheit, menschlich entwickelt oder sogar weise alt zu werden. Das physische Alter bringt jedoch nicht von selbst Weisheit mit sich; wollen wir wissend oder sogar weise werden, müssen wir etwas dafür tun. Wir können uns jederzeit menschlich, psychisch und sozial weiterentwickeln, dem steht gerade im Alter nichts im Weg.

- Obwohl das Älterwerden oder das Altern äußerlich besehen ein Prozess des Vergehens ist, kann es innerlich ein enormer Werdeprozess sein. Wenn wir die Zeit des Alterns und das Alters bewusst für die Weiterentwicklung unserer menschlichen und psychischen Fähigkeiten nutzen, sollte der menschliche Entwicklungsprozess bis zum Vergehen des Körpers fortgesetzt werden.

- Man sollte im Alter seinen Interessen uneingeschränkt nachgehen – man sollte lesen, studieren, sich in NGOs engagieren, älteren Menschen helfen, usf.

B. Physisches Alter und psychisches Alter
- Jung ist, wer entwicklungsfähig ist; alt ist, wer nicht entwicklungsfähig ist – psychisch jung oder alt können deshalb relativ junge Menschen sein, es können Menschen aus dem Erwachsenenalter oder alternde Menschen sein. Das Alter wird in den Gesellschaften häufig nur als physisches Altwerden wahrge-nommen. Kaum jemand schaut darauf, ob der andere psychisch alt und unbeweglich ist oder ob er physisch alt und psychisch offen, beweglich und jung ist. Dabei geht es nicht darum, dass man alt ist und auf jung macht, sondern dass man sich die Attribute des Lebendigseins, die die gleichen wie die des Jungseins sind, integriert, pflegt und aufrecht erhält.
- Physisches und psychisches Alter sollten gut voneinander unterschieden werden. Auf der einen Seite der Skala gibt es Kinder, die schon so viel an Verletzungen und Schmerzen erleben mussten, dass ihr Gesicht bereits greisenhaft aussieht; auf der anderen Seite der Skala gibt es alte Menschen, deren Körper gebrechlich ist, aber deren Einstellung offen, frei, interessiert, jung, lernfähig und entwicklungsorientiert ist.
- Weil die menschliche Entwicklung für die wirtschaftliche Produktion scheinbar nicht wichtig ist, lässt man die psychosoziale Bildung der jungen und mittleren Altersgruppe, wie auch die Entwicklungs-Psychologie des Älterwerdens brach liegen.

C. Was bedeutet das Altern und das Alter
- Das Altern und das Alter ist für jeden eine eigene Erfahrung. Je nach Persönlichkeitsentwicklung des jeweiligen Menschens wird das Altern und das Alter unterschiedlich erlebt und unterschiedlich bewältigt.
- Vor dem Hintergrund der Maximen der heutigen Gesellschaften, die Jugendlichkeit, Schaffenskraft und Leistungsfähigkeit hoch bewerten, kann das Alter diese Eigenschaften kaum, nicht oder in immer geringerem Maß erbringen. Deshalb wird das Altern auch aus dem Bewusstsein der Gesellschaften vedrängt bis es nicht mehr übersehbar ist.
- Prinzipiell bereitet uns niemand in unseren Gesellschaften menschlich und sozial auf das Alter und die Endlichkeit vor. Viele sind dem Alterungsprozess ohne Unterstützung und Anleitung ausgesetzt und sie werden von ihnen umhergeworfen. Wir werden von unseren Gesellschaften bisher auf folgende Lebensereignisse nicht vorbereitet:

wir werden nicht auf das gute Miteinander vorbereitet (soziale Intelligenz und Kompetenz)
wir werden nicht auf die Elternschaft vorbereitet
wir werden nicht vorbereitet, andere effektiv zu führen (unsere Beziehungsfähigkeit
ist die Grundlage dafür) und
wir werden nicht auf das Älterwerden und das Altern vorbereitet.

- Das Altern kann ganz unterschiedliche Verläufe haben:
Zwischen Fünfzig und Achtzig lassen sich mindestens sechs große Gruppen ausmachen:

a. Die erste Gruppe sind rüstige, aktive und lebendige ältere und alte Menschen. Zumeist sind es aktive Personen, die körperlich, menschlich und geistig in Bewegung sind und noch lange Zeit im Arbeitsprozess mitzuhalten vermögen; sie denken über die psychosozialen Chancen des Alterns nach, entwickeln sich fachlich und menschlich weiter und sie orientieren sich nach bewussten Zielen, die erfüllend und sinnstiftend sind.
b. Die zweite Gruppe sind Menschen, die zwanghafte versuchen, ihre physische Verfassung zu erhalten. Sie versuchen krampfhaft zu verhindern, alt zu werden; sie versuchen ihre physische Leistungsfähigkeit mit aller Macht aufrecht zu halten; sie verdrängen ihre geringer werdenden Möglichkeiten und drängen die wichtigen Themen des Alters zur Seite;
c. Die dritte Gruppe sind die ewig jung Gebliebenen. Sie wehren sich offensichtlich gegen das Altern und machen auf jung. Sie tun so, als ob sie noch jugendlich und jung wären, obwohl jeder sieht, dass sie den Alterungsprozess überspielen und mit grellen Tönen und nicht altersgemäßen Verhaltensweisen, wie mit unpassend jugendlicher Kleidung auffallend zu übertünchen versuchen.
d. Die vierte Gruppe altert früh, es ist eine große Gruppe von inaktiven, orientierungslosen und unlebendigen Personen, die die Hände zu früh in den Schoss legt, die Zeit mit Zeitvertreib totschlägt und nur mehr auf den Tod wartet.
e. Die fünfte Gruppe ist schon relativ früh vom körperlichen, geistigen und psychischen Abbau betroffen und hat physisch und/oder geistig keine Möglichkeit mehr, sich im Alter weiterzuentwickeln. Wer früh von Demenz und Alzheimer betroffen ist, muss sich – obwohl der Körper noch da ist – menschlich und psychisch bereits verabschieden.
f. Die sechste Gruppe sind die im Alter kindlichen und jammernden Menschen. Sozial wenig entwickelte Menschen jammern im Alter immer mehr und belasten ihre Mitwelt und sie werden immer kindlicher.
g. Die siebte Gruppe ist jene, die hauptsächlich über Krankheiten spricht. Ihre Hauptkommunikationsform besteht im Austausch von Krankheiten, Krankengeschichten und Krankenhausgeschichten, von Seniorenheimgesprächen.
h. Die achte Gruppe sind einsame alte Menschen mit großem Gesprächsbedarf. Sie sind übermäßig anhänglich und beginnen mit jedem beliebigen Menschen, dem sie begegnen zu reden, um ihr Gesprächs- und Kontaktdefizit zu stillen.

Copyright: Reinhold Dietrich, Dezember 2017.